top of page
  • AutorenbildEmma Zimbelmann

Das Stiefmütterchen. Oder: Über die wichtigen Dinge in unserem Leben.



In den letzten Tagen denke ich viel darüber nach, warum ich eigentlich in Deutschland lebe. Und ich denke viel darüber nach, wie ich eigentlich leben möchte und warum ich aktuell so lebe wie ich es tue.

Eine echte Antwort darauf habe ich nicht.

Es gibt all diese vielen Möglichkeiten unser Leben zu gestalten und in einer bestimmten Weise zu führen. Warum also lebe ich so wie ich es tue? Warum züchte ich nicht Schafe in Frankreich oder warum bin ich nicht Astronautin? Warum lebe ich nicht irgendwo in der nordamerikanischen Wildnis?


In neuester Zeit kommen viele Menschen aus vielen verschiedenen Ländern zu uns nach Deutschland. Vermutlich, weil diese Menschen sich hier ein besseres Leben erhoffen als an anderen Orten. Warum bin ich dann also unzufrieden hier zu sein? Die Lebensbedingungen sind doch ziemlich gut - es gibt Sozialleistungen, Krankenversicherungen, genug zu essen und schöne warme Wohnungen. Am Wochenende kann ich in den Park gehen oder Freunde in einer Bar treffen - das ist doch toll.


Und trotzdem bin ich nicht zufrieden. Mich stört der viele Beton um uns herum, mich stören all die vielen Leute, die sich am Wochenende im Stadtwald stapeln und auch "echte" Natur ist hier bei uns größtenteils Fehlanzeige - die Wege im Wald sind angelegt, die Bäume in Reih und Glied gepflanzt und überall schmeißen die Leute ihre Taschentücher hin.

Ich beobachte in den letzten Jahren bei mir eine immer stärker werdende Tendenz einsamer und naturverbundener zu leben. Und ich habe häufig den Eindruck, dass das hier in Deutschland nicht in dem Maße möglich ist, wie ich es mir wünsche - mit der Ringelfuchshütte gehe ich einen großen Schritt in die richtige Richtung, aber ich habe häufig Sorge, dass es mir über kurz oder lang nicht ausreichen wird.


Und als ich über all diese Dinge nachgedacht habe und von einem Spaziergang aus dem brav und ordentlich angelegten Wald zurück in die Wohnung kam, begegnete mir auf der Treppe ein Stiefmütterchen. Es war die erste Blume des Jahres. Weder im Wald, noch auf den Balkons der Nachbarn waren bisher irgendwelche Blümchen zu sehen - das kleine Stiefmütterchen war das erste.

Hinter der obersten Treppenstufe am Hintereingang unserer Plattenbauwohnung, gibt es einen kleinen Spalt und in diesem wächst eine kleine Blume.

Zuerst dachte ich: "Schade! Das arme Blümchen hat sich den schlechtesten und hässlichsten Platz zum Leben ausgesucht. Es könnte im Wald leben, auf der Wiese, an einem Berghang oder überall sonst - und dann sucht es sich die Spalte in der Treppe hinter dem Plattenbau aus!"


Nun, ich denke, dass sich das kleine Stiefmütterchen den Platz nicht wirklich frei ausgesucht hat: Es ist dort geboren, beziehungsweise ist das Samenkorn aus dem es entstanden ist, einfach dort hineingefallen - und das ist ein bisschen so, weshalb ich in Deutschland lebe: Irgendwie ist es einfach dazu gekommen. Und statt das kleine Stiefmütterchen die ganze Zeit rumnörgelt, dass es nicht im Wald lebt, auf der Wiese oder in den Bergen, lebt es einfach dort wo es ist und tut das, was Blümchen so tun - blühen!


Das Stiefmütterchen hat dort in seiner kleinen Treppenspalte ziemlich gute Lebensbedingungen: es ist warm schön warm und geschützt und deshalb ist es auch schon als erstes am Blühen! Durch die Sonne heizen sich die Steinplatten tagsüber auf und sind meist bis spät in den Abend noch wunderschön warm. Im Wald ist es um diese Jahreszeit feucht und kalt. Durch die geschützte Lage direkt am Hauseingang, ist es immer schön windstill und das Stiefmütterchen ist nicht dem eisigen Wind ausgesetzt.

Es wird vermutlich auch nicht von hungrigen Rehen abgeknabbert werden - wenn ich auch fürchte, dass dem Stiefmütterchen sein größter Feind wohl die Hausverwaltung ist ;)


Vorallem aber zaubert mir das Stiefmütterchen jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht, wenn ich nach Hause komme. Ein Stiefmütterchen, das irgendwo ganz abgeschieden im Wald lebt, täte das wohl nicht. Und nachdem ich das Stiefmütterchen nun eine ganze Weile lang beobachtet habe, frage ich mich, ob ich es nicht einfach machen sollte, wie das Stiefmütterchen in der Treppenspalte: einfach zu leben und zu blühen, dort wo ich gelandet bin und dann das beste daraus machen: die Menschen um mich herum zum Lächeln bringen.

Ja, es ist etwas eingeengt und voll hier, aber dafür werde ich auch nicht angeknabbert oder bin dem eisigen Wind ausgesetzt.

















1 Comment


bernizde
bernizde
Mar 28

Schöner kann man es nicht sagen...😘

Like
bottom of page